Die Nachfolge der Přemysliden als ein ‚Wettrennen der Fruchtbarkeit‘
VVM LXI, 2009
Die Nachfolge auf dem Thron hat in jedem beliebigen Herrschergeschlecht seit dem Anfang der Geschichte und bis heute unverändert außer Kriegen, Morden, Intrigen, Abkommen, Hochzeiten und anderen ‚Wendungen‘ der ‚politischen‘ Geschichte noch eine andere unabdingbare Voraussetzung – gesunde Kinder. Als im Jahre 1306 der König Wenzel III. in Olmütz dem Dolch eines gemeinen Meuchelmörders erlag, starb mit ihm das letzte Mitglied des im Moment ältesten Herrschergeschlechts Europas, der letzte Přemyslide, der (zu dieser Zeit) als Einziger würdig anerkannt wäre, die Krone von Böhmen und Mähren zu tragen.1 Dieses Geschlecht herrschte ununterbrochen mindestens 430 Jahre, wenn wir von der anerkannten modernen Erkenntnis der klassischen Historiographie ausgehen, die mit dem Durchsetzen des ersten Fürsten dieser Dynastie etwa ab Anfang des letzten Viertels des 9. Jahrhundert rechnet.2 Wenn wir die mittelalterliche Mentalität berücksichtigen, war sie noch ein halbes Jahrhundert älter. Mindestens eine (ikonographische) historische Quelle, die unglaubliche Malerei in Znaim von 1091,3 belegt, dass in der Zeit des Königs Vratislav und auch des bekannten Chronisten Kosmas von Prag ihr Autor, höchstwahrscheinlich Božetěch, der Abt des slawischen Klosters von Sázava, festgehalten hat, dass die Přemysliden aus dem Geschlecht der Fürsten des Großmährischen Reiches stammten, das mit Mojmír I. spätestens um 830 beginnt. Diese (heute anscheinend ‚unsinnige‘) Meinung hat in der mittelalterlichen Wahrnehmung durchaus ihre logisch erklärbare Berechtigung. Der erste Fürst der Böhmen Bořivoj wurde in Mähren auf Befehl des Großfürsten Svatopluk getauft, was ihre Paten-Täufling Verwandtschaft begründete, die im frühen Mittelalter nicht selten als wesentlich enger wahrgenommen wurde, als die ‚natürliche‘ Blutabstammung. Zudem bekam sein älterer Sohn Spytihněv, der Begründer der tschechischen Staatlichkeit in Böhmen und auch für die heutige Wissenschaft der unbestrittene Erbe der Tradition des alten Großmährischen Reiches, allem Anschein nach seine Ehefrau von dort, wie das die archäologisch-pathoanatomische Untersuchung ihrer sterblichen Überreste in ihrem gemeinsamen Grab in der kleinen Kirche der Heiligen Mutter Gottes Maria in der Prager Burg bezeugt.4
Dieser unbestrittener Erfolg der Přemysliden hat neben der wohlbekannten, von unzähligen Historikern sorgfältig erforschten ‚politischen‘ auch seine ein wenig vernachlässigte ‚biologische‘, genauer genommen psycho-sexuelle Seite. Eine absolut nötige Voraussetzung für die Nachfolge in jedem Herrschergeschlecht ist doch zuallererst das Vorhandensein von Nachkommen, vor allem von Söhnen. Und diese mussten empfangen, ausgetragen, geboren5 und erwachsen werden, um die Herrschaft zu übernehmen. Es ist irgendwie beruhigend zu wissen, dass dieser Prozess trotz der vielen Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende unserer Geschichte, bis heute genau gleich geblieben ist – in seinem biologischen Aspekt gilt dies absolut, in dem psycho-sexuellen weitgehend.
Es kann wohl postuliert werden, dass für die historische Entwicklung der menschlichen Mentalität ein Jahrtausend (allgemein) eine bedeutende Zeitspanne bildet, in dem oben erwähnten biologischen Aspekt allerdings bedeutet es nur einen Augenblick. Psychogene Erektionsstörungen existierten im 11. Jahrhundert genau so wie heute und eine persistierende Impotenz konnte auch damals nichts anderes zur Folge haben, als die Kinderlosigkeit. Die für viele Historiker so unglaubliche Geschichte der drei Hochzeitsnächte der Gräfin Mathilde von Canossa belegt dies sehr eindrucksvoll. Die genaue Analyse des erhaltenen Berichtes des Kosmas von Prag6 zeigt (unter Einbeziehung der heute bekannten Kenntnisse über die Mechanismen der männlichen psychogenen Sexualstörungen) ziemlich eindeutig, dass er wieder einmal Opfer der modernen Historiker wurde, die ihn ‚des Ausdenkens unappetitlicher Anekdoten‘ bezichtigen.7 Als Beweis von Mystifizierungen oder Fälschungen dürfen nur klare Belege über Fehler und Irrtümer dienen, die wir dem mittelalterlichen Falsator nachweisen können. Der Bericht über die Impotenz eines sechzehnjährigen Jungen aus dem deutschen Geschlecht der Welfen in seiner sexuellen Konfrontation mit der dreiundvierzigjährigen Gräfin Mathilde, einer hervorragenden Persönlichkeit ihrer Zeit, einer mächtigen und gefürchteten Herrscherin, der engsten Verbündeten des Papstes Gregor und mutigsten Gegnerin des Königs Heinrich IV. hat ganz bestimmt einen wahren Kern. Darüber kann gar kein Zweifel bestehen, denn eine solche Geschichte konnte sich in dieser Form im 12. Jahrhundert sicher kein Mensch ‚ausdenken‘, das ist ein (dank der heutigen Kenntnisse der Psychosexuologie) ein ziemlich unerschütterliches Faktum.8
Seit fünf Jahrtausenden unserer Geschichte sind die Einflüsse der Zivilisation auf die menschliche Mentalität und somit auch auf das menschliche Handeln ganz erheblich gewesen (obwohl es auch psychische anthropologische Konstanten gibt), es existiert aber kein Einfluss dieser Zivilisation auf unsere Gene. Die Anthropologie vermutet, dass die Spezies homo sapiens (genetisch unverändert) seit etwa drei- bis vierhundert tausend Jahren existiert.9 Wir wollen uns also dreihundertsechzig tausend Jahre als zwölf Stunden vorstellen – dass der Mensch um Mitternacht entstand und jetzt haben wir Mittag. Davon hatten wir als Jäger und Sammler 11 Stunden und 40 Minuten gelebt, bis unsere Vorfahren den Ackerbau und die Nutzhaltung der domestizierten Tiere entdeckten. Um 11:50 entstanden in Ägypten und Mesopotamien die ersten Hochkulturen und mit ihnen die Zivilisation, 11:56 wurde Christus geboren und 11:59 besuchte Christoph Kolumbus Amerika. Der bekannte ‚Ötzi‘, der Mann aus dem Alpengletscher, der etwa 5300 Jahre vor uns lebte, hatte mit seinen etwa 40 Jahren seine Zähne (dank der sehr unterschiedlichen Ernährung) stärker abgeschliffen, als heute ein Siebzigjähriger. Gleichzeitig waren alle vier Weisheitszähne in seinen Kiefern zwar angelegt, kein einziger schaffte es aber, genauso wie bei einem heutigen Vierzigjährigen, im Laufe seines Lebens durchzubrechen.
Die Fruchtbarkeitsrituale, ein Kulturerbe aus uralten heidnischen Zeiten, waren in England des 11. Jahrhunderts offensichtlich noch lebendig, wie es der – wohl überraschte und entsetzte – gebildete normannische Bischof Odo festgehalten hat. Tapiserie von Bayeux, um 1075, Bordüre
Nachkommen zu zeugen ist ein genetisch fixierter Instinkt verschiedenster Lebewesen, bei uns Menschen sicher noch zusätzlich ein Ergebnis von psychischen (auch willentlichen) Prozessen. In den Herrscherfamilien war es eine absolute Voraussetzung, um die Kontinuität, das Geschlecht, die Dynastie aufrechtzuerhalten.10 Die Fruchtbarkeitsrituale sind seit Urzeiten ein fester Bestandteil der menschlichen Kulturen. Kein Wunder, dass die sexuelle Potenz der Männer und somit ihre Fortpflanzungsfähigkeit seit dem Altertum mit der Macht, ihrem ‚politischen‘ Einfluss in Beziehung gesetzt wurde. Dies wurde auch häufig öffentlich gezeigt, nach ‚außen transportiert‘, als Darstellung der sekundären männlichen Geschlechtszeichen, vor allem der Barthaare. Während des gesamten Mittelalters wurde die ‚Volljährigkeit‘, also auch die persönliche Fähigkeit eines Herrschers, faktisch zu herrschen, nach seiner ‚geschlechtlichen Reife‘ beurteilt, die wohl am besten durch die Geburt eines Nachfolgers, zumindest aber durch die Schwangerschaft einer Ehefrau, Konkubine, Beischläferin, bewiesen wurde.11 Und es gilt bis heute unverändert, dass so gut wie nichts auf dieser Welt seine Wichtigkeit für die Menschheit behält, wenn keine (gesunden) Kinder mehr geboren würden…
Der fast ein halbes Jahrtausend andauernde Erfolg der böhmischen und mährischen Přemysliden wurde unter anderem auch dadurch ermöglicht, dass sie sich zumindest in dem notwendigsten Umfang biologisch erhalten hatten.12 Diesen Aspekt möchte ich nachfolgend ein wenig hinterfragen und dabei aufzeigen, dass in mindestens zwei Generationen der herrschenden Přemysliden das Problem der Nachfolge als ‚bewusste Kinderzeugung‘ sogar ziemlich klar subjektiv reflektiert wurde. Sowohl kurz vor dem Millenium als auch nach der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts kam es in diesem Herrschergeschlecht zu einem regelrechten ‚Wettrennen‘ um Zeugung von Söhnen, das verschiedene Ursachen, Verläufe und Ergebnisse hatte.
Für einen ungestörten Übergang in der Herrschermacht war es natürlich schon immer ideal, wenn im Augenblick des Todes eines Vorgängers nur ein einziger, von niemandem angezweifelter Nachfolger vorhanden war, wie bei den Přemysliden wohl in den Jahren 915, 972 oder 1035. So etwas ist aber auch sehr riskant. Der vorzeitige Tod eines einzigen Nachfolgers kann das Ende der Dynastie bedeuten. Auf der anderen Seite ist die Existenz mehrerer Konkurrenten nichts anderes als eine Komplikation, die zu (mehr oder weniger gewalttätigen) Auseinandersetzungen um die Macht führt, wenn keine ausreichend klare Lösung existiert – eine im Voraus getroffene Regelung der Nachfolge. Manchmal waren selbst solche nur wenig wirksam, wie davon zum Beispiel die ewigen Zerfälle und neuen Zusammenschlüsse des Reiches der Merowinger im 6. bis 8. Jahrhundert erzählen. Nach den alten germanischen Sitten wurde das Eigentum als Erbe – im Geschlecht der Herrscher also das ganze Land – unter allen Söhnen aufgeteilt.
Bei den Přemysliden war allerdings das ganze erste Jahrhundert ihrer Herrschaft geradezu erstaunlich stabil, möglicherweise aus zufällig gegebenen Gründen. Soweit wir aus den spärlichen Quellen des 10. Jahrhunderts rekonstruieren können, hatte der erste Fürst Bořivoj mit seiner slawischen Ehefrau Ludmila zwei Söhne. Als er um 889 ziemlich jung (etwa mit sechsunddreißig Jahren) starb, zählte der ältere Spytihněv wohl vierzehn Lenze, der jüngere Vratislav war wahrscheinlich erst ein Jahr alt.13 Wir wissen, dass die Macht dieses Geschlechts durch das Eingreifen seines ‚Protektors‘, des Großmährischen Fürsten Svatopluk gerettet wurde, der in Böhmen bis zu seinem Tod (894) direkt herrschte. Fürst Spytihněv begründete dann den (proto)Staat der Tschechen und herrschte in Böhmen zwanzig Jahre, während denen er im Osten den Zerfall Großmährens (906) und somit die Entstehung eines neuen ‚Grenzkontaktes‘ mit den Ungarn sowie im Westen das Aussterben der mächtigen Herrscherdynastie der Karolinger (911) erlebte. Als er 915 starb, folgte ihm (wohl ohne Schwierigkeiten, zumindest sind uns keine bekannt) sein jüngerer Bruder Vratislav. Wir dürfen aus anderen Gründen annehmen, dass Spytihněv wohl kinderlos war, denn wenn er ‚legitime‘ Kinder gehabt hätte, wären sie als etwa Zwanzigjährige (bei der damals sehr niedrigen Altersgrenze bei der Elternschaft) doch in der Position der Konkurrenten ihres Onkels Vratislav, der damals selbst etwa siebenundzwanzig Lenze zählte.14 Denn in dieser Hinsicht ist wieder der schon erwähnte Zusammenhang mit dem Grab Spytihněvs interessant. Soweit mir bekannt ist, ist es das einzige Begräbnis der Přemysliden, bei dem ein Herrscher mit seiner Gattin direkt an seiner Seite bis in alle Ewigkeit ruhen darf.15
Fürst Vratislav fiel nach nur sechs Jahren der Herrschaft in jungen Jahren in einer Schlacht gegen die Ungarn, womit sich die Situation aus der vorigen Generation wiederholen sollte. Es waren zwei Söhne da, beide zu jung, um die Herrschaft unmittelbar zu übernehmen. Der ältere Wenzel (geboren wohl um 907) war ebenfalls vierzehn Jahre alt, wie damals sein Onkel Spytihněv, sein Bruder Boleslav (geboren um 915) war etwa sechs Jahre alt. Wir wissen, dass die Macht vorübergehend von ihrer Mutter Drahomíra als Regentin behauptet werden konnte, die einige Jahre mit Hilfe ihres persönlichen Gefolges nordischer Krieger des Stammes der Waräger herrschte, was sie auch zur Abrechnung mit ihrer widerspenstigen Schwiegermutter Ludmila nutzen konnte.
Fürst Wenzel war an die Macht spätestens im Jahre 925 gekommen (Überführen der sterblichen Überreste seiner Großmutter, der Heiligen Ludmila) und herrschte dann zehn Jahre lang, getötet wurde er nach neuesten Ergebnissen der Forschung im Jahre 935 (und nicht 929, wie bislang angenommen).16 Über seine Nachkommen wissen wir fast nichts (ein unehelicher Sohn namens Zbraslav?), was nicht weiter verwunderlich ist bei seiner späteren ‚Karriere‘ eines Heiligen, aber interessante Andeutungen von ‚in der Moldau ertränkten Kindern‘, in der Legende des sog. Kristian festgehalten, lassen doch ein wenig ahnen. Es ist nur (scheinbar) ‚pikant’, dass gerade er während seines (kurzen) diesseitigen Lebens außer der (unfruchtbaren?) Gattin auch eine Konkubine17 (wie die sog. Zweite Altslawische Legende erzählt) haben sollte. Es ist aber auch logisch, denn er hatte doch von seiner künftigen für das Volk der Tschechen so bedeutenden ‚heiligen Karriere‘ keine Ahnung. Sein jüngerer Bruder Boleslav kam also zwar ziemlich grausam an die Macht, handelte aber (wie wir aus den späteren Ereignissen wissen) anschließend außerordentlich erfolgreich und behauptete seinen Thron fast vierzig Jahre lang. Sein Alter steht dieser Feststellung keinesfalls entgegen. Wenn er auch mehr erlebte, als die von Kosmas (wahrscheinlich tendenziös) angegebene Zeit, war er bei seinem Tode noch nicht einmal sechzig Jahre alt, was sehr gut möglich ist und war (915-972 eher als 967). Die Nachfolge seines gleichnamigen Sohnes war wohl auch problemlos. Boleslav II. der Fromme hatte wahrscheinlich mehrere Brüder, als nur den uns bekannten Kleriker Strachkvas (ganz sicher hatte er zwei Schwestern, Dobrava und Mlada), während der langen Herrscherzeit ihres Vaters ist es aber gut möglich, dass sie noch vor diesem starben. Bis zum Ende des ersten Milleniums, also mehr als ein Jahrhundert der Herrschaft der Přemysliden, sehen wir keine Streitereien oder sogar Kriege, die als Kampf mehrerer Söhne (Brüder) gegeneinander vonstatten gingen, nach den neuesten Erkenntnissen der Historiographie sogar mitsamt der Tötung des Heiligen Wenzels.18
Plötzlich wird aber alles dramatisch anders. Die bekannte und beschriebene Krise des frühen Staates der Tschechen um das Jahr 1000 hatte natürlich mehrere Gründe, als nur die Entstehung und Aufschwung Polens.19 Mindestens drei weitere ‚innere‘ Gründe sind hier bedeutsam: der paradoxerweise ‚zersetzende‘ Einfluss einer hervorragenden einheimischen Persönlichkeit der Zeit, des zweiten Prager Bischofs Vojtěch/Adalbert, die Existenz von mindesten drei (oder sogar vier oder noch mehr) Söhnen des Fürsten Boleslav II. mit der Folge der sich vertiefenden Differenzierung in den ersten ‚vornehmen‘ Geschlechtern des Landes, diesem tschechischen Ur-Adel (und der damit zusammenhängenden Abhängigkeit der einzelnen Fürstensöhne von ihnen) und schließlich die Lähmung des herrschenden Fürsten nach einem Schlaganfall im Jahre 994.20
Die Vernichtung des Geschlechts des Vornehmen Slavník und der Drang Boleslavs (eher des jungen künftigen Dritten, als des gegenwärtigen, alten und kranken Zweiten) nach Südmähren zu Brünn in dieser Zeit21 sind die ersten Anzeichen eines Machtkampfes, zu dem es dann nach dem Tod Boleslavs des Frommen (999) offen kommen wird. Und in dieser Generation der Přemysliden sind wir das erste mal Zeugen ihrer durchdachten Strategie, wie sie im Kampf um die Macht und den politischen Einfluss auch Mittel einsetzen könnten, die die Möglichkeiten zur Zeugung der Nachkommenschaft betreffen.
Wieviele waren sie und wie war ihr Alter? Nach plausiblen Rekonstruktionen22 war Boleslav II. bei seinem Tod etwa siebenundsechzig Jahre alt (932-999). Sein ältester Sohn gleichen Namens wurde zwischen 950 und 966 geboren, war also mindestens dreiunddreißig oder sogar (erheblich?) älter. Jaromír und Odalric waren wahrscheinlich um 975 ziemlich knapp hintereinander (sogar als Zwillinge?)23 geboren, waren also etwa fünfundzwanzig. Von ihren Nachkommen wissen wir, dass Boleslav III. (der Rötliche) mit seiner Ehefrau (unbekannten Namens) eine Tochter hatte, die er als Belohnung dem Haupt des damals mächtigsten heimischen Geschlechts der Vršovici vermählte. Dieses unterstützte ihn sehr bedeutend sowohl bei der Vernichtung der Nachkommen Slavníks (995) als auch bei dem kriegerischen Eindringen nach Südmähren.
Damit unterlief diesem Fürsten ein folgenschwerer Fehler, allerdings (wohl) durch die sehr komplizierten gegenwärtigen Verhältnisse erzwungen: beide letzte Boleslavs standen nicht nur unter dem gewaltigen Druck des mächtigen Königs der Polen Boleslaw Chrobry. Sie waren noch dazu durch die ‚zersetzende‘ Tätigkeit des aus dem bekannten heimischen Geschlecht der Slavnikiden stammenden Bischofs Adalbert geschwächt und mit der immer tiefer um sich greifenden Unzufriedenheit der anderen vornehmen Geschlechter Böhmens konfrontiert, die sich um die anderen Prinzen zu versammeln begannen. Der Rötliche hob die Vršovici durch diese neue Verwandtschaft unvorsichtigerweise auf das Podest der möglichen Konkurrenten um den steinernen Thron der Tschechen. Der Preis, um Slavníks Nachkommen – und das war in der ersten Generation ein sehr fruchtbares Geschlecht 24 – loszuwerden, die wohl davor die gleiche Gefahr verkörperten, ist somit zu hoch geworden, sozusagen ‚vom Regen in die Traufe‘.
Soweit wir wissen, hatten nämlich alle Herrscher des P5emysliden-Geschlechts bis dato ihre Ehefrauen aus dem Ausland.25 Das war wohl eine bewusste Maßnahme, sowie auch ihr Bestreben, die Töchter außerhalb der Grenzen zu verheiraten – Dobrava und später Judith ‚die Ältere‘ nach Polen, Judith ‚die Jüngere‘ (beide Judiths waren Töchter König Vratislavs) nach Groitsch in Sachsen. Dies sollte wohl eine Absicherung sein (zumindest zuerst, später spielte bestimmt auch eine zunehmende Rolle, sich mit anderen ‚vornehmen‘Geschlechtern zu verbinden), um die eigene Macht nicht durch ein anderes (‚angeheiratetes‘) heimisches Geschlecht zu bedrohen. Die Ausrottung der Nachkommen Slavníks, eines der vornehmsten Geschlechts des frühen Böhmens, das wohl sogar mit den Přemysliden (von Anfang an?) verwandt26 und mit der eigenen Heiratspolitik sehr aktiv bis über die Landesgrenzen war, passt in diese Zusammenhänge ausgezeichnet.
Jaromír war kinderlos, während Odalric wohl schon vor 999 einen Sohn hatte, den kleinen Břetislav. Diese Hypothese erklärt sehr gut den schon auf den ersten Blick überraschenden Urteil Boleslavs des Rötlichen, den er über seine beiden Brüder fällte. Den Ersten ließ er nämlich durch sein Vršovici-Gefolge – eigentlich die ‚Staatsmacht‘ der Zeit – ‚nur‘ kastrieren und erniedrigen, den Zweiten wollte er aber erbarmungslos töten. In dem ersten Fall, über den wir bei dem sonst angeblich nur wenig zuverlässigen Kosmas fast schon erstaunlich genaue Informationen haben (die Ereignisse auf dem Hügel Velíz und auch die spätere Anklage der Vršovici bei der Übergabe der Herrschaft an seinen Neffen Břetislav), erfüllte das Geschehene offensichtlich den Tatbestand des Ausschlußes sowohl symbolisch (Ausschluss von der Nachfolge) als auch faktisch (Ausschluss von der Nachkommenschaft), reichte aber in dem zweiten Fall Ähnliches nicht mehr aus. Aus dem (indirekten und deshalb wertvollen) Kontext des Berichtes von Kosmas geht nämlich ziemlich klar hervor, dass es nicht möglich gewesen wäre, die Tötung Jaromírs zu verhindern, wenn es die Absicht der Vršovici gewesen wäre. Ich wage zu postulieren, dass in der sehr ‚barbarischen‘, wohl noch durch und durch heidnischen Seele der alten slawischen Gesellschaft dieser Tschechen des ersten Milleniums die ‚geistige Verbindung‘ der ‚politischen‘ Macht mit der sexuellen Potenz so unmittelbar war, dass die erlebte Erniedrigung für die zu erreichende Absicht, also den eigenen Bruder von der Nachfolge auszuschließen, effektiv genug war. Es mag paradox anmuten, aber ich meine damit, dass wir hier Zeugen eines ähnlichen Versuches sind, das Problem der Nachfolge zu ‚humanisieren‘, als der erste neue König der Karolinger Pippin der Kurze im Jahre 751 den letzten echten König des alten Merowingergeschlechts nicht mehr töten, sondern nur noch Haare schneiden und rasieren – also der sekundären Geschlechtsmerkmalen berauben, wobei hier auch eine echte Kastration sehr gut vorstellbar ist – und bis ans Lebensende ins Kloster einsperren ließ.27
Bischof Odo wollte offensichtlich festhalten, dass es Hengste (und nicht etwa Walachen) waren, die den Normannen bei die Eroberung Englands geholfen hatten, während das lustige Männlein (das wohl die lüsternen Absichten eines sündigen Klerikers kommentieren soll) in diesem Zustand dem Objekt seiner Begierde kaum aussichtsvolle Ergebnisse verspricht, Tapiserie von Bayeux, ebenda
Es ist naheliegend, dass der Jüngste der Brüder sich in den Jahren zwischen der Lähmung ihres alten Vaters (994) und dessen Tod (999) sehr intensiv um einen Sohn bemühte, wenn der eine Bruder nur eine Tochter hatte und der andere für immer kinderlos bleiben musste.28 Er war immerhin zwanzig Jahre alt und wohl auch verheiratet, wir wissen nur nicht, wer seine Frau war. Ein Sohn als der einzige potentielle Nachfolger in der nächsten Generation wäre in dieser Situation mit Sicherheit das entscheidende Argument für Odalric, den steinernen Thron der Ahnen zu erobern – der Beweis der Fruchtbarkeit (die Geburt eines Sohnes) glich wohl damals noch dem Beweis, auch der Herrscher werden zu können. Und es liegt auf der Hand, dass er seine Bemühungen auch mit einer Beischläferin (Konkubine) intensivierte, wenn sie mit seiner Ehefrau fruchtlos blieben, denn zu seiner Zeit gab es bei den (vornehmen) Männern keine moralischen Hindernisse und vor allem noch keine Unterschiede bei der Stellung der unehelichen Kinder, wie es später mit der fortschreitenden Christianisierung der Fall sein wird. Es ist dann auch logisch, dass er den Fehler seines älteren Bruders nicht wiederholen wollte und es vermied, eins der vornehmeren tschechischen Geschlechter durch die angeheiratete Verwandtschaft hervorzuheben. Er nahm sich also zu dieser (wohl mehr ‚politischen‘ als sexuellen) Aufgabe eine ‚Gemeine‘ – die einfache Bäuerin Božena, die ‚Křesina gehörte‘.
Ich wüßte wirklich nicht, warum man ihre Existenz anzweifeln sollte. Nicht nur, dass Kosmas ihr Sterbejahr 1052 explizit angibt,29 sogar die geschichtliche Logik dieser Situation selbst ist doch ziemlich eindeutig. Es gibt auch keinen Grund, die Geburt ihres Sohnes Břetislav in die ersten Jahren nach 1000 zu legen, wie es (meistens) üblich ist.30 Gerade damals befand sich Odalric doch kaum in Böhmen, und wenn doch, dann inmitten eines wütenden blutigen Krieges ‚jeder gegen jeden‘, der für Liebeswerben und die ihm folgenden Befruchtungen kaum Zeit und Raum ließ. Dazu kommen noch die späteren Tatsachen – sollte er seinem Sohn als einem Regenten das neu eroberte Mähren wirklich bereits um 1019 anvertrauen, handelte es sich um eine Aufgabe, die kaum vorstellbar wäre für einen (etwa) fünfzehnjährigen Knaben. Und im Gegenteil, Břetislavs überlieferter Tod (1055) kann ihn ohne weiteres mit knapp sechzig Jahren ereilt haben, das war bei den Přemysliden kein ungewöhnliches Alter.31
In der nächsten Generation beruhigte sich alles wieder; zunächst alleine deshalb, weil es für die Zukunft nur noch einen einzigen Nachfolger (Břetislav) gab, der für diese Position des nächsten herrschenden Fürsten sicherlich keine Probleme (im Gegenteil zu der Meinung mancher modernen Historiker) in der Wahrnehmung der immer noch sehr ‚barbarischen‘, ja fast immer noch heidnischen Tschechen hätte.32 Etwas anderes war allerdings seine Stellung in den Augen der mächtigeren und auch schon zivilisierteren Nachbarn im Ausland. Es ist wieder nur zu logisch, dass er sich daher bemühte, durch die eigene Heirat die ein wenig ‚befleckte‘ Abstammung von einer einfachen Bäuerin (was vielleicht für ihn noch schlechter war, als richtig einfach zu sein)33 aufzupolieren. Die Entführung der vornehmen Tochter des Grafen Heinrich von Schweinfurt aus ihrem Kloster passt wieder einmal hervorragend in die ganze Geschichte, und wir müssen somit einer interessanten Frage nachgehen, die verschiedene Historiker, vor allem (aus psychologischen Gründen?) die tschechischen und die polnischen seit Jahrzehnten versuchen zu lösen – wann war es eigentlich? Es hängt nämlich mit der schon angesprochenen Wiedereroberung Mährens durch die Přemysliden zusammen, die die neuen tschechischen Forschungen in die Jahre 1019/20,x34 die polnischen allerdings erst in das Jahr 1030 legen. Aus biologischen Gründen muss hier dazu Folgendes bemerkt werden: wenn es als gesichert gilt, dass Břetislav mit seiner frisch erbeuteten Braut Mähren ansteuerte, das er gerade von seinem Vater Odalric als sein neu bestellter ‚Hausmeier‘ bekam, und gleichzeitig das von Kosmas angegebene Jahr der Geburt seines ersten Sohnes Spytihněv (1031) stimmt, haben ziemlich sicher die polnischen Historiker recht. Weil wir im frühen Mittelalter kaum eine künstliche Schwangerschaftsverhütung annehmen können, müssten wir uns in dem anderen Fall die Frage stellen, was denn so etwa zehn Jahre lang die zwei Frischverliebten die ganzen langweiligen Abende miteinander taten, wenn sie nicht einmal einen Fernseher zur Verfügung hatten…35
Wir können nur spekulieren, warum Odalric in den letzten dreißig Jahren seines Lebens keine Kinder mehr zeugte, ob mit seiner doch angenommenen Ehefrau Božena oder auch mit anderen, in den damaligen Zeiten und Sitten gut vorstellbaren Konkubinen. Demgegenüber brauchen wir aber nicht über die Entscheidung Břetislavs zu spekulieren, die er auf dem Sterbebett fällte, womit er die Nachfolgeregelung für die nächsten (zwei?) Generationen festlegte. Es ist gut überliefert, dass er die Köpfe der wichtigeren Geschlechter und die sonst Vornehmen unten den Kriegern, dieses mittelalterliche ‚Volk‘ der Tschechen, beauftragte, unter seinen Söhnen und Enkeln – ja, explizit so – immer den Ältesten durch ihre Wahl auf den Thron der Ahnen emporzuheben. Er hatte nämlich fünf Söhne und die blutigen Kriege aus der Zeit seines Vaters gegen seine älteren Brüder noch in sehr guter Erinnerung. Die Senioratsregelung Břetislavs markiert den ersten Versuch der Přemysliden, die Nachfolge zu institutionalisieren36 genauso wie seine Entscheidung, das Land Mähren für seine Söhne als Regenten zu zerteilen. Etwas Ähnliches ist auch aus der Kiewer Russ bekannt, wo die Fürsten aus dem Geschlecht der Rurikiden bei dem Ableben des Großfürsten von Kiew alle auf einmal ‚vorrutschen‘ mussten.37 Als großer Vorteil der Regelung Břetislavs muss allerdings festgehalten werden, dass trotz aller späteren blutigen Kriege um die Nachfolge im 12. Jahrhundert die Einheit der Länder Böhmen und Mähren nie mehr in Frage gestellt wurde.38
Alle Söhne Břetislavs wurden möglicherweise in den 30er Jahren geboren, von dem Ersten (Spytihněv) berichtet es Kosmas zum Jahre 1031 explizit. Aus biologischen Gründen können wir nämlich postulieren, dass der (noch heute von vielen Ehepaaren bewusst gewählte) Zeitabstand von zwei Jahren zwischen den Geschwistern etwas sehr Natürliches ist. Wie allgemein bekannt, dauert die Schwangerschaft knapp ein Jahr39 und die folgende Stillzeit ist die einzige natürliche Schwangerschaftsverhütung, die bestimmt auch im Mittelalter mehr oder weniger funktionierte. Wenn wir annehmen, dass die hochgestellten Mütter damals auch selbst ihre Kinder stillten – sollten dafür Ammen beschäftigt werden, muss sich dadurch dieser natürlicher Zyklus verkürzt haben40 – dann ist dieser Zweijahresabstand zwischen den Geschwistern vollkommen normal. Der Empfängnis (als Beispiel) im Januar folgt die Geburt im Oktober; ein volles, als Verhütung gut wirksames Stillen dauert mindestens sechs Monate bis etwa April (dann kriegt das Kind erste Zähnchen und vernünftige Eltern erkennen somit, dass es wohl auch etwas zum Beißen bekommen sollte), aber die Mutter kann problemlos auch beim Angewöhnen an breiige und später festere Mahlzeiten noch gut ein halbes Jahr zusätzlich stillen, also bis Oktober. Das bedeutet, dass es zum Ende des Jahres zur Erneuerung des Geschlechtszyklus kommt, was spätestens mit der ersten Menstruation sichtbar wird. Die nächste Empfängnis ist somit möglich, und sie wird bei ungestörter Fruchtbarkeit der Frau und normaler männlicher Potenz auch bald eintreten.
Es kann also plausibel angenommen werden, dass der zweite Sohn Vratislav etwa 1033, der dritte Konrad 1035,41 der vierte Jaromír um 103742 und der letzte Otto vielleicht 1039 geboren wurden.43 Weil ihr Vater dann 1055 starb, muss ihm die Gefahr, mit der er somit sein Erbe belastete, das böhmisch-mährische Land, was ‚gar nicht so unübersehbar‘44 sei, voll bewusst gewesen sein.
In der nächsten Generation sehen wir zuerst einen eindeutigen Erfolg. Das Seniorat galt uneingeschränkt, erst ganz zum Ende, bei dem Konflikt Vratislavs mit Konrad von 1091 wurde es wackelig. Diese neue Regelung rief allerdings ein noch heftigeres ‚Wettrennen der Fruchtbarkeit‘ hervor, als es zwei Generationen zuvor um die Jahrtausendwende der Fall gewesen war.
Als der Älteste der Söhne Spytihněv nach dem Tod seines Vaters 1055 den Thron übernahm, vertrieb er zuerst (wohl nur manche und kaum alle, wie Kosmas schreibt) Deutsche aus Böhmen, was nicht nur die ihm verhasste Äbtissin des Klosters Sankt Georg von der Prager Burg, sondern vor allem seine eigene Mutter traf, was psychologisch interessant ist.45 Wir wissen nicht, ob er schon zu dieser Zeit seinen (einzigen!) Sohn Svatobor hatte, aber wir wissen, dass er seine jüngeren Brüder verfolgte. Konrad und Otto nahm er in Brünn gefangen und ließ sie anschließend nach Prag abführen, während Vratislav vor ihm nach Ungarn floh. Spytihněv bemächtigte sich allerdings in Olmütz dessen schwangeren Ehefrau und ließ sie auf der Burg Lštění (an der Sázava, unweit von Prag gelegen) einkerkern. Kosmas berichtet davon fast schon verdächtig penibel: der vom herrschenden Fürsten beauftragte Aufseher namens Mstiš beaufsichtigte sie nicht so, wie es sich bei einer so vornehmen Frau geziemt hätte, weil er ‚jede Nacht mit Eisenringen seinen Fuß mit dem ihrigen verkettete‘.46
Weil wir gut wissen, das Kosmas ein Meister der Andeutungen ist und auch sonst keine Skrupel bei den ‚peinlichsten‘ Themen kennt, ist der sexuelle Hintergrund dieser Bemerkung ziemlich eindeutig. Die Gattin Vratislavs wurde nach einem Monat dieser ‚Betreuung‘ zwar freigelassen und zog daraufhin auch sofort in Richtung Ungarn, erlitt aber unterwegs eine Frühgeburt und starb schnell an ihren Folgen.47 Es ist offensichtlich, dass es Spytihněv gelungen ist, sich eines (noch nicht geborenen) Kindes seines Bruders zu entledigen, ohne zu solch brutalen Massnahmen greifen zu müssen, wie die direkte Tötung der eigenen Schwägerin gewesen wäre. Es mag nur eine Spekulation sein, aber die heutige medizinische Wissenschaft kennt die Wirkung der Prostaglandine, Hormone, die ursprünglich im männlichen Ejakulat gefunden wurden, auf die geburtsrelevante Wehentätigkeit des Uterus inklusive der Frühgeburt, ja heute mit der Anwendung von künstlichen Prostaglandinen sogar der (induzierten) Fehlgeburt. Die mechanische Reizung der Vagina und des Gebärmutterhalses durch Geschlechtsverkehr ruft auch recht oft vorzeitige Wehen hervor (und erhöht stark die Infektionsgefahr), und dies gleichsam und zuverlässig in jedem beliebigen Jahrhundert. Deshalb empfiehlt man den Schwangeren noch heute, im letzten Trimenon in dieser Hinsicht vorsichtig zu sein, obwohl wir schon viel bessere Möglichkeiten haben, auch unreife Neugeborene zu retten. ‘Sie eilte unterwegs so, dass sie sich ihren Uterus beschädigte‘, sagt dazu unser Berichterstatter wörtlich.48 Oder war er ihr schon im Voraus ‚beschädigt‘ worden, bevor sie zu dieser Reise aufbrach?
Der junge (etwa 22 Jahre alt?) Witwer Vratislav trauerte am Hofe der Ungarn nur kurz, denn König Andreas verheiratete ihn bald mit seiner Tochter Adelheid, spätestens 1056. Die Frischvermählten übten sicherlich fleißig, zuerst kamen aber ‚nur‘ zwei Töchter; Judith die ‚Ältere‘ (1057?), später mit dem Fürsten der Polen Vladislav Hermann verheiratet, und Ludmila (1058/9?), die, wie schon ihr Name verrät, eine Nonne wird.49 Erst als Dritter folgte der erste Sohn Břetislav (1060?),50 sicherlich in voller Absicht nach seinem bedeutsamen Großvater getauft. Aber auch dies war wohl noch ausreichend, denn er war bestimmt der Älteste der späteren insgesamt neun relevanten Nachfolger auf dem steinernen Thron der Fürsten von Böhmen und Mähren, wie sie die Malerei in der Znaimer Rotunde der (damals) Heiligen Mutter Gottes Maria unsterblich verewigte.51
Es gab ursprünglich einen noch älteren Spross der Přemysliden dieser Generation der Enkel des großen Fürsten Břetislav, Svatobor, der Sohn Spytihněvs, aber sein jüngerer Bruder Vratislav übte hier offensichtlich eine ziemlich elegante ‚Rache‘: um seinem eigenen Erstgeborenen diesen Konkurrenten vom Hals zu schaffen, entschied er, ihn den Weg eines Geistlichen gehen zu lassen. Das bedeutete in der damaligen Zeit den automatischen Ausschluss sowohl aus der Reihe der Nachfolger (denn die Zeit der möglichen fürstlichen Herrschaft eines Bischofs aus der Dynastie der Přemysliden ist noch gut 150 Jahre entfernt) als auch von der Möglichkeit (legitime, für die Nachfolge als Herrscher relevante) Nachkommen zu hinterlassen. Svatobor wurde dann 1085 Erzbischof von Aquilea, was (wohl) erst mit dem kannonischen Alter von dreißig Jahren möglich war, es spricht also doch vieles dafür, dass er um 1055 geboren wurde, zu der Zeit der Schwangerschaft der ersten unglücklichen Gemahlin Vratislavs. Es ging damals möglicherweise wirklich nur um einige Wochen! Břetislav I. starb im Januar, seine beiden ersten Enkel waren vielleicht beide gleich in diesem Jahr am Kommen. Vielleicht wussten beide Brüder, wie weit nicht nur die eigene Gattin, sondern auch die jeweilige Schwägerin schwanger ist, und beide wussten, dass nach der Senioratsregelung von den beiden Neugeborenen einmal der Erstgekommene herrschen wird. Wenn also der kleine Svatobor im Augenblick des Todes seines Vaters Spytihněv erst sechs Jahre alt war, traf die Entscheidung über seinen künftigen Lebensweg wohl der herrschende Fürst, sein Onkel Vratislav…52
Der gerade auf den Thron gekommene Vratislav (1061) wollte wohl keine Zeit verlieren, denn ein einziger Sohn war ihm irgendwie zu wenig. Noch im selben Jahr nach dem Tod seiner ungarischen Gattin heiratete er die polnische Prinzessin Svatava und bald darauf durfte er sich über den nächsten Sohn freuen: Boleslav, geboren vielleicht Ende 1062 oder spätestens Anfang 1063, der dritte Sohn war dann Bořivoj im Jahre 1064.53 Auch die zwei jüngeren Brüder Vratislavs wollten keine Zeit verlieren in diesem einmaligen ‚Wettrennen der Fruchtbarkeit‘ um die möglichst älteren Enkel des großen Fürsten Břetislav. Und beide waren erfolgreich in ihren Bemühungen. Der ältere Sohn Konrads und seiner österreichischen Gattin Werbirg Odalric ‚quetschte‘ sich wohl in die Jahre 1063/64 genauso wie Svatopluk, der Ältere Sohn des Olmützer Regenten Otto I., genannt ‚der Schöne‘. Die moderne tschechische historische Forschung scheint mit dieser Angabe Probleme zu haben, aber dies nur deswegen, weil sie weiß, dass dieser Mährische Fürst seine ungarische Gattin Eufemia erst später ehelichte. Die Malerei von Znaim hat aber die Reihenfolge zum Jahre 1091 doch sehr eindrucksvoll genau festgehalten! Und es kann nicht bestritten werden, dass auch eine ikonographische Quelle zuverlässig sein kann, ja sogar muss in dieser Zeit, wie es auch z. B. die einmalige Tapiserie von Bayeux belegt.54 Schon sein Name des größten Altmährischen Fürsten sagt sehr viel aus über die wahrscheinlich mährische Abstammung seiner Mutter, die uns leider für immer unbekannt bleibt, wie auch die erste mährische Ehefrau Vratislavs, die möglicherweise Maria hieß.55 In diesem Zusammenhang müssen auch die späteren Ereignisse in Erinnerung gerufen werden! Kurz vor seinem Tode (1100) ‚machte‘ der herrschende Fürst Břetislav II. seinen nächsten jüngeren Bruder Bořivoj gegen jede Tradition und Sitte der Tschechen (und vor allem entgegen der Senioratsregelung!) mit Hilfe des Kaisers Heinrich zum Nachfolger (1099), was nach seinem Tode eine sofortige Rebellion zur Folge hatte. Zuerst lehnte sich der Brünner Fürst Odalric auf (von dem die Forschung richtig annimmt, dass er älter als Bořivoj war) und führte einen letztlich erfolglosen Krieg gegen ihn (1101), während der Olmützer Fürst Svatopluk mehrere Jahre lang seine Position geduldig verbesserte und einen Umsturz vorbereitete, mit dem er zuerst zwar scheiterte (1105), aber letztlich Bořivoj doch vertrieb und in Prag ablöste (1107). Es kann überhaupt kein Zweifel darüber bestehen, dass in dieser Generation der Přemysliden-Prinzen die wichtigste Legitimation ihrer bewaffneten Bemühungen um das Recht der Nachfolge ihr Alter gewesen sein muss.
Wir wissen natürlich nicht, wie unsere Přemysliden des 11. Jahrhunderts genau aussahen, können aber getrost annehmen, dass zumindest am Anfang etwa so – wie jedes erfolgreiches Ergebnis der oben geschilderten Bemühungen. Das Neugeborene Nr. 649/2007, Kreiskrankenhaus Agatharied. Foto Autor.
Alle drei Brüder hatten noch weitere Söhne, aber die Spannung ließ dann deutlich nach. Seit der zweiten Hälfte der 60er Jahre bis etwa 1075 wurden noch geboren: der zweite Sohn Konrads Luitold, der vierte Sohn des Königs Vladislav, der zweite Sohn des Olmützer Fürsten Otto des gleichen Namens, später ‚der Schwarze‘ genannt (Kosmas nennt ihn zu der Zeit der Entstehung der Znaimer Malerei Otík56) und schließlich der fünfte Königssohn Soběslav, und zwar ziemlich sicher in dieser Reihenfolge.57 Interessant ist, dass auch noch in dieser Generation die Senioratsregelung ihre Gültigkeit mehr oder weniger beibehielt, obwohl um die Macht auch heftig gekämpft wurde. Und es ist typisch, dass in dieser Zeit auch die verschiedenen Regenten aus Mähren bei diesen Kämpfen um die zentrale Macht in Prag vollkommen skrupellos mitmischten. Es waren ursprünglich neun Nachfolger in dieser Generation. Manche waren erfolgreich, andere weniger, aber bis tief ins 12. Jahrhundert ist gut sichtbar, dass ihr Alter in dieser geschichtlichen Zeit das Entscheidende war. Als Erster trat der faktisch älteste Břetislav (1092) an, was die anderen akzeptierten, obwohl er nach dem Zeugnis der Malerei von Znaim auf die fünfte Stelle abgeschoben wurde.58 Nach seinem Tod rebellierte der Älteste, Odalric von Brünn, scheiterte allerdings, und es herrschte zuerst der ‚künstlich angehobene‘ Bořivoj, bis er von Svatopluk 1107 gestürzt wurde. Nach dessen gewaltsamen Tod im Lager des deutschen Königs Heinrich V. (1109) kehrte er zuerst zurück, wurde aber vertrieben, als mit der Hilfe Heinrichs sein noch jüngerer Bruder Vladislav 1110 zum Fürsten der Tschechen gewählt wurde, womit er auch noch den zweiten seiner Brünner Vetter Luitold übersprang, der aber schon seit der Zeit seines Bruders Odalric ähnliche Sitten gewohnt war. Beide Söhne Konrads starben ziemlich früh, Luitold 1112 und Odalric 1113/5, sodass sich die Situation ein wenig beruhigt hatte. Jetzt lebten nur noch die drei Jüngsten (in der Freiheit und in Böhmen zumindest ab und zu, Bořivoj schmachtete in irgendeinem Kerker am Rhein) von den ursprünglich neun Kandidaten. Erst ein Jahrzehnt später verschärfte sich die Lage wieder, als der sterbenskranke Fürst Vladislav (1125) eher seinen Vetter Otto (ihre Ehefrauen Sophia und Richeza von Berg waren Schwestern) als seinen jüngeren Bruder Soběslav zum Nachfolger empfehlen wollte. Es mischte sich aber noch das letzte Mal ihre sehr alte Mutter Svatava ein, sodass noch einmal der Jüngere den Älteren übersprang. Erst der folgende Krieg bereinigte wieder einmal die Sache, denn Otto der Schwarze fiel in der Schlacht, als sein Verbündeter, der neue deutsche König Lothar, im Februar 1126 in dieser Schlacht bei Chlumec von den Tschechen vernichtend geschlagen wurde.
In dieser Geschichte ist deutlich der Trend ablesbar, der von König Vratislav angeschlagen und im nächsten Jahrhundert noch vertieft wird, nämlich die Neigung, die Prager Přemysliden auf Kosten der Mährischen Verwandten zu bevorzugen. Aber immerhin, trotz aller Kriege und Kämpfe setzte sich letztlich bei allen neun Enkeln die Senioratsregelung durch. In der nächsten Generation ist sie allerdings erloschen, deshalb konnte sich die einmalige Situation des ‚Wettrennens der Fruchtbarkeit‘ im späteren 12. Jahrhundert nicht mehr wiederholen.
Der Kampf um die Macht beschränkte sich in der nächsten Generation auf die Nachkommen der zwei jüngsten Söhne König Vratislavs, die Nachkommen Vladislavs und Soběslavs, obwohl die Verwandten aus Mähren immer noch gewaltig mitmischen wollten. Die Prager Burg wurde (leztlich erfolglos obwohl er dabei es sogar nicht scheute, die dortigen Kirchen in Brand zu setzen) im Jahre 1142 vom Sohn Luitolds, Konrad von Znaim, belagert. Und das ist wohl gar keine Überraschung, wenn wir bedenken, dass er nicht nur älter als beide Hauptkonkurrenten um den Prager Thron war – der erfolgreiche Vladislav, der nächste König der Tschechen, und auch der erfolglose Vladislav, der älteste Sohn Soběslavs – sondern auch noch seit seiner zartesten Kindesjahre die farbige Pracht der Malerei in der heimischen Kapelle in Znaim vor Augen hatte, in der das ‚heilige Abkommen der Nachfolge nach dem Alter‘ so eindrucksvoll festgehalten ist. Und erfolgreich gelang es (für bloß zwei Jahre) seinem Sohn, dem weisen59 Konrad II. Otto von Znaim, dem allerletzten Mährer auf dem steinernen Thron der Přemysliden in der Prager Burg. Im Grunde aber liefen damals die Kämpfe um die Nachfolge zwischen den Söhnen des Fürsten Soběslav und denen des Königs Vladislav, aus welchen letztlich der erste erbliche König der Tschechen (1197, bestätigt 1212) Přemysl Ottokar I. hervorging, was die definitive Beruhigung der Nachfolgestreitereien brachte.60 Seitdem stieg nach dem Tod des Vaters immer der erstgeborene Königssohn auf den Thron der Tschechen auf, ohne die etwaigen Brüder zu berücksichtigen – Wenzel I., Přemysl Ottokar II., Wenzel II. und Wenzel III., blutjung, kinderlos und leider in Olmütz heimtückisch ermordet.
Das Leben selbst, die Biologie, auf der auch die Historie steht, setzte sich durch. In der dritten und vierten Generation der Nachfolger des ‚Gesetzgebers‘ des Seniorats, des Fürsten Břetislav I., vermehrte sich sein Geschlecht so gewaltig, dass die Verengung der Nachfolger auf zuerst zwei Linien der Prager Přemysliden und später auf die erstgeborenen Söhne der Erbkönige von Böhmen zu einer nur logischen Konsequenz wurde. Und es bleibt unheimlich interessant, dass der ehrliche Chronist Kosmas von Prag seinen Bericht darüber auch so formulierte – so, als wäre sich der sterbende Fürst Břetislav dieser künftigen Prozesse, des Konfliktes zwischen der Weisheit des menschlichen Gesetzes und der Kraft der menschlichen Fruchtbarkeit, voll bewusst:61
‚Und deswegen rufe ich euch auf und beschwöre euch, hier und jetzt euren Eid der Treue abzulegen, dass unter meinen Söhnen oder Enkeln immer nur der Älteste von ihnen die höchste Macht und den Stuhl der Fürsten in Prag im Besitz haben wird.‘
Über die Generation der Urenkel ist hier kein Wort mehr gefallen…
1 Der Herzog von Troppau Nikolaus war – obwohl auch noch ein Přemyslide – als Bastard in dieser Zeit (1306) nicht mehr als Herrscher akzeptabel. Älter als die Přemysliden (nämlich aus dem 6. und 7. Jahrhundert) waren lediglich die Geschlechter der Langobarden in den italienischen Herzogtümern, diese waren allerdings 1306 schon erloschen. Etwa gleich alt (seit etwa 880) war die nordische Dynastie der Rurikiden in der Kiewer Russ, diese ist aber schon im 12. Jahrhundert mitsamt ihres Staates zerfallen. Die ein wenig jüngere Dynastie der Arpad-Nachkommen in Ungarn aus dem 10. Jahrhundert ist gerade erloschen (1301), das polnische Geschlecht der Piasten war zwar 1306 noch existent, sie war aber um ein gutes Jahrhundert jünger als die Přemysliden. Erst dann kommt die französische Dynastie der Kapetinger (987), die normannisch-englische Dynastie entstand sogar erst 1066. Im Reich der ‚Deutschen‘ wechselten sich mehrere Dynastien ab, es starben schon die Karolinger (911), die Ottonen (1024), die Saalier (1125) und die Staufer (1250) aus. Spanien und Portugal kann man (noch) vergessen, sie beginnen erst im 11. Jahrhundert durch die erfolgreiche Reconquista zu entstehen genauso wie auch in Skandinavien, wo sich stabilere Königsgeschlechter auch erst im zweiten Millenium zu bilden beginnen.
2 Třeštík, D.: Počátky Přemyslovců, Praha 1998, S. 100: ‚Die erste Bemerkung über die Přemysliden stammt aus dem Jahr 872, als die Annalen von Fulda … über Bořivoj als einen von mehreren Fürsten der Tschechen sprechen.‘
3 Konečný, L.: Románská rotunda ve Znojmě, Brno 2005, Novotný, A.: Metody moderní mytologie neboli boj o „rukopis znojemský“, in: VVM LVI, Brno 2004, S. 3-14, derselbe: Znojemská malba jako rébus neboli o smyslu této malby očima psychologie, in: Znojemská rotunda, sborník z 2. konference o rotundě 25.-26. června 2003, Znojmo 2004, derselbe: Malba ve znojemské rotundě a tapiserie z Bayeux, in: VVM LIX, Brno 2007, S. 234-249.
4 Frolík, J.: Archeologie na Pražském hradě, Praha 1997, S. 76. Für die mittelalterliche Mentalität ist es typisch, dass sie parallel verschiedene Arten und Abstufungen der Verwandtschaft zu akzeptieren fähig war, dazu z. B. Otis-Cour, L.: Rozkoš a láska. Dějiny partnerských vztahů ve středověku, Praha 2002, S. 19.
5 Die Adoption als eine soziale Alternative der einfachen Biologie, die so erfolgreich z. B. im alten Rom des 2. Jahrhunderts und (wohl vor allem deswegen) auch im frühen italienischen Mittelalter aktuell war (der gescheiterte Versuch der kinderlosen Gräfin Mathilde von Canossa), spielte in Böhmen und Mähren zur Zeit der Herrschaft der Premysliden keine Rolle.
6 Kosmas II, 32, z. B. in: Bretholz, B.: Cosmae Pragensis Chronica Boemorum, MGH, Berolini 1955, S. 127-129.
7 Z. B.: Bretholz, ebenda, Einleitung, S. IX: ‚…die läppische Zote von der Ehe der Gräfin Mathilde von Tuszien…‘, aber auch viele der späteren Historiker. Eigentlich bis heute alle, die das Werk Kosmas‘ in Händen hielten…
8 Novotný, A.: Pornografie ve středověku? Hýsly 2005, S. 20-37.
9 Es wird wohl so sein, wenn wir bedenken, dass die phylogenetische Abtrennung unserer Vorfahren der Art homo sapiens von den Vorfahren heutiger Schimpansen, mit welchen wir immer noch etwa 98,5% der DNA identisch haben, vor etwa sieben Millionen Jahren stattfand…
10 Und was man aus diesem Grund schon im Mittelalter sich hat ‚einfallen‘ lassen müssen, erzählt uns die Geschichte des englischen Königs Edward II., der als Homosexueller nur deshalb fähig war, seine eheliche und noch mehr königliche Pflicht zu erfüllen, weil er in das gemeinsame Ehebett für die Vorbereitung zum Geschlechtsverkehr mit der Königin auch seinen Liebhaber mitnahm, um sie zu schwängern. Diese absolut logische, für ihn unumgängliche und auch faktisch erfolgreiche Therapie (sie hatte drei Söhne geboren) beleidigte natürlich (psychologisch verständlich) seine Gattin so sehr, dass sie ihm dieses Verhalten später mit einem wirklich entsetzlichen Tod hat ‚bezahlen‘ lassen…
11 Diese bekannte Erkenntnis der Historiker (z. B. Třeštík, Počátky, S. 196/7) verführt mich natürlich zu genaueren Fragestellungen – was ist damit eigentlich gemeint? Was wurde ‚noch 1486 in Mähren öffentlich geprüft‘? Sicher nicht die Erektionsfähigkeit, denn die ist schon bei ganz kleinen Jungen durchaus vorhanden. Vielleicht dann die (mit der Pubertät) beginnende Ejakulation, aber die hätte man wohl an und für sich (sozusagen aus ‚technischen‘ Gründen) nur schwer ‚prüfen‘ können, die Masturbation war damals doch eine schwere Sünde. Es bleibt dann logischerweise nur noch der Geschlechtsverkehr an sich, der im Mittelalter manchmal wirklich durchaus öffentlich ausgeübt wurde, was wohl auch der Fall der ersten zwei Hochzeitsnächte der Gräfin Mathilde von Canossa war (denn erst in der dritten Nacht ‚…führte sie alleine ihn alleine in das Schlafzimmer..‘). Es gibt dokumentierte Fälle eines vor einer Kommission von Zeugen ausgeübten Geschlechtsverkehrs, vor allem dann, wenn eine Ehefrau die Ungültigkeit ihrer Ehe wegen der Impotenz des Ehemannes erreichen wollte, es ist allerdings erst im späteren Mittelalter bezeugt (z. B. Otis-Cour: Rozkoš, S.88-89, hier zum Jahre 1259). Noch besser war sicherlich die Schwangerschaft, dass Beste wohl die Geburt der Nachkommen.
12 Und starben typischerweise deshalb aus, weil der blutjunge Wenzel III. kinderlos (obwohl schon verheiratet) war und sein sehr fruchtbarer Vater Wenzel II. so wenige Söhne hatte. Seine zahlreichen, aber (in unserem Sinne) ‚irrelevanten‘ Töchter durften nach 1306 nur noch als ‚Transportmittel‘ der ehemaligen Macht der Premysliden in andere, fremde Geschlechter dienen…
13 Třeštík: Počátky. Spytihněv starb mit vierzig im Jahre 915, war also um 875 geboren, Vratislav fiel in der Schlacht gegen die Ungarn im Februar 921 mit dreiunddreißig, muss also um 888 geboren worden sein. Der Autor erklärt sehr gut die auffällige ‚Lücke‘ von 13 Jahren zwischen den beiden Brüdern, denn es gab wohl noch (mindestens) drei (uns heute nicht näher bekannte) Töchter und mehrere andere Kinder, die schon im Säuglingsalter starben, s. S. 194.
14 Es ist natürlich auch die Spekulation erlaubt, dass Spytihněv doch weitere kleine Söhnchen haben konnte, die Vratislav beseitigte, wie es wahrscheinlich in der nächsten Generation der Fall war.
15 Es gibt eine psychologische Erklärung – sie war ihm ‚lieber‘ (wichtiger) als mögliche Söhne, auch wenn sie unfruchtbar war und ihre Ehe somit kinderlos bleiben müsste, was allerdings eine so große Ausnahme gewesen wäre, wie es auch die Tatsache ihres gemeinsamen Grabes ist. Wir haben eine interessante Parallele aus einer nur unwesentlich späteren Zeit – der deutsche König Heinrich II. blieb seiner unfruchtbaren Gattin Kunigunde bis zu seinem Tode (1024) treu, obwohl er wusste, dass dies das Ende der (bedeutsamen) Dynastie der Ottonen bedeutet. Seine Belohnung bekam er dafür natürlich von der höchsten Stelle, denn er ist der einzige der zahlreichen deutschen Könige, der mitsamt der Ehefrau(!) heilig gesprochen wurde.
16 Třeštík: Počátky, vor allem S. 196-260.
17 Ebenda: S. 387: ‚Die Legende gibt eigentlich zu, dass die Zeugung von Söhnen eine Pflicht des Fürsten war, die sogar ein Heiliger anerkennen musste.‘
18 Ebenda: S. 434-435. Es handelte sich wohl tatsächlich am ehesten um unglückliche Umstände. Fürst Wenzel wurde von der Leibwache seines Bruders getötet, weil sie ihren Herrn vor ihm verteidigen wollte.
19 Krzemieńska, B.: Krize českého státu na přelomu tisíciletí, in: ČsČH XVIII, 1970, S. 497-529.
20 Z. B. Novotný, A.: Tři přemyslovská ohrožení a krize českého státu v letech 994-1004, in: Pornografie?, S. 48-97.
21 Staňa, Č.: Pronikání Boleslava II. na Brněnsko ve světle archeologických objevů, in: Přemyslovský stát kolem roku 1000, Praha 2000, S. 197-208. Die ziemlich genaue Datierung wurde durch die Entdeckung von Münzen aus der Endzeit der Herrschaft des Boleslavs des Frommen ermöglicht.
22 Třeštík: Počátky, S. 463-466.
23 Es ist erstaunlich, wie wenig wir eigentlich aus den historischen Quellen von den sicherlich vorhandenen Geburten von Zwillingen wissen, die in einer statistischen Häufigkeit von etwa 1:80 anzutreffen sind, was gar nicht so wenig ist, wenn wir Tausende konkrete historische Personen kennen. Dazu wissen wir auch noch, dass eine Zwillingsgeburt seit Urzeiten einen mythischen Hintergrund hatte, s. z. B. Třeštík, D.: Mýty kmene Čechů, Praha 2003, S. 154.
24 Der Heilige Vojtěch/Adalbert, der das Morden auf der Burg Libice nicht miterlebte, hatte mindestens einen älteren Bruder (Soběbor, der damals ebenfalls überlebte, nach Polen flüchtete und erst 1004 in Prag fiel) und mindestens drei (oder sogar vier?) jüngere Brüder, die in Libice starben, s. Kosmas I, 29. Von (möglicherweise zahlreichen) Schwestern wissen wir natürlich in der typischen Intention des Mittelalters nichts, dürfen sie aber getrost annehmen: ‚Střezislava hatte mit Slavník sechs Söhne und wahrscheinlich auch eine angemessene Zahl an Töchtern.‘, Třeštík: Počátky, S. 422.
25 Bořivoj (Ludmila) und Vratislav (Drahomíra) aus den nördlichen (heidnischen) Slawengebieten, Spytihněv (?) aus Mähren, Wenzel hatte wohl eine (gemeine) Beischläferin, was eine sehr kluge Maßnahme war, wie wir noch sehen werden, Boleslav I. (Biagota, aus Münzen bekannt) ihrem Namen nach offensichtlich aus Italien, Boleslav II. (Emma Regina, Mutter möglicherweise nur seiner zwei jüngsten Söhne?) aus dem Reich der /West?/Franken, vor ihr hatte er vielleicht noch eine andere Ehefrau, die Mutter (mindestens) von Boleslav III.
26 S. z. B. Třeštík: Počátky, S. 420-426 und vor allem die Vorschläge der Genealogie auf den S. 420, 421 und 425.
27 Das gleiche tat sein Sohn Karl der Große mit dem abgesetzten und verurteilten Herzog der Bayern Tassilo III. Schließlich kann sogar die Blendung des Boleslavs III. durch seinen Vetter Boleslav Chrobry (im Vergleich mit einer Hinrichtung) als ein Versuch der ‚Humanisierung‘ verstanden werden…
28 Wir wissen nicht genau, wann der später sehr bedeutsame Fürst Jaromír, ein echter Retter des frühen Staates der Přemysliden und somit eigentlich auch der späteren Nation der Tschechen, kastriert wurde, aber es kann durchaus damals gewesen sein. Vermutlich regierte schon Boleslav der Rötliche, obwohl den Befehl zu so einer entscheidenden Tat er erst später, also nach dem Tod seines kranken Vaters (999) hätte erteilen dürfen.
29 Kosmas II, 13: ‚Anno dominice incarnationis MLII Obiit Bozena, coniunx Odalrici ducis, mater Bracizlai.‘
30 Třeštík: Počátky, S. 466, legt sie, ohne nähere sachliche Gründe zu erwähnen, in das Jahr 1003.
31 Damit meine ich vor allem ihre genetische Disposition zur Arteriosklerose, s. Vlček, E.: Nejstarší Přemyslovci, Praha 1997. Es ist ein sehr weit verbreiteter Irrtum, zu glauben, dass es im Mittelalter wegen der unbestritten kurzen durchschnittlichen Lebensdauer keine alte Menschen gegeben hätte. Dies ist eine lediglich statistische Größe, die vor allem durch die sehr hohe Kindersterblichkeit und die zahlreichen Todesfälle der jungen Frauen im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Geburt und der jungen Männer im Zusammenhang mit Unfall (Kampf und Jagd) verursacht wurde. Wer diesen Gefahren aus dem Weg zu gehen wusste, konnte im Gegenteil sehr alt werden – es waren deshalb typischerweise Kleriker, auch unser Kosmas wurde locker achtzig, bei den Frauen waren das oft Nonnen. Dem berühmten Kloster in Cluny standen z. B. ganze 115 Jahre lang nur zwei Äbte vor, Odilo 994-1048 und Hugo 1049-1109. Und was die erwähnte genetische Störung des Metabolismus der Lipiden angeht – es gibt keine bessere Prävention der drohenden Arteriosklerose, als eine möglichst strenge Diät! Sollte also einer der Přemysliden doch über achtzig geworden sein (geboren frühestens 950, gestorben wohl 1034), dann tatsächlich Boleslav III. der Rötliche, denn er verbrachte wohl die letzten dreißig Jahre seines Lebens buchstäblich mit Brot und Wasser…
32 Krzemieńska, B.: Břetislav I., Praha 1999. Die Legitimität der Nachkommen war vor allem das Thema der Kirche, s. z. B. Otis-Cour: Rozkoš, S. 63, und diesen Einfluss dürfen wir in Böhmen dieser geschichtlichen Zeit nicht überschätzen. Auf der anderen Seite erlaubte sie die ‚Bastarde‘ durch eine ‚nachträgliche Heirat‘ zu legitimisieren, was offensichtlich auch Fürst Odalric nutzte (…coniunx Odalrici ducis…).
33 Obwohl auch das nicht ganz sicher ist. Wir haben einen nützlichen Vergleich mit der normannischen Dynastie der gleichen Zeit. Der später so berühmte Wilhelm der Eroberer begann seine ruhmreiche Karriere als Wilhelm der Bastard (was damals ein ziemlich üblicher Beiname ohne pejorativen Beigeschmack war), Sohn des Herzogs der Normandie Robert mit Herleve/Arletta, der Tochter eines Häutegerbers(!). Allerdings ist sie seine Gattin geworden, was sie in den Augen der Normannen so ‚hoch gehoben‘ hatte, dass sie als Witwe nach dem Tode Roberts von Herluin von Conteville geheiratet wurde. Sie hatten zwei Söhne miteinander, womit sie dem König der Angelsachsen Wilhelm noch Halbbrüder bescherten – Robert, Graf von Mortaine und Odo, Bischof von Bayeux, den Autor der heute weltberühmten Tapiserie.
34 Z. B. Žemlička, J.: Čechy v době knížecí, Praha 1997, S. 43, Krzemieńska, B.: Břetislav I., S. 133.
35 Es ist verständlicherweise unmöglich, hier eine unfruchtbare Ehe anzunehmen, wenn sie nach zehn Jahren fünf Söhne und wohl auch mehrere Töchter produzierte. Als mögliche Erklärung könnte angenommen werden, dass Judith bei ihrer Entführung (um 1020) ein Kleinkind gewesen wäre. Eine sofortige Heirat wäre möglich gewesen, das war im Mittelater keine Ausnahme, nur mit der Hochzeitsnacht hätte man bis zur Menarche, der ersten Periode, warten müssen, die damals wohl ein wenig später stattfand als heute. Dafür aber kam die erste Schwangerschaft fast unmittelbar danach, wie es auch der menschlichen Natur durch unsere Gene vorbestimmt ist, die nichts von den zwanzig Jahren künstlicher Verhütung wissen, die bei uns heute üblich sind vor der ersten Geburt. Die frühe Menarche mit 12 Jahren, wie wir sie heute durchschnittlich erleben, ist wohl eine Folge der modernen psychosozialen Entwicklung, genauso wie die späte Menopause. Die Quellen (Thietmar von Merseburg) haben allerding wohl festgehalten, dass Judith vor 1003 geboren wurde, s. Krzemieńska: Břetislav I., S. 123, dann wäre sie doch schon etwa siebzehn Jahre alt… (?)
36 Es bedeutet ein wenig die Rückkehr zum römischen Recht, wo der Älteste erbte. Schon die Geschichte des Frankenreiches unter den Merowingern oder auch später den Karolingern zeigt deutlich – und gerade diese Beispiele vom Lande der Nachbarn hatten doch unsere Vorfahren als die klarsten immer vor Augen – wohin die alte germanische Sitte führt, das Erbe immer unter alle Nachkommen aufzuteilen: zum andauernden Zerteilen des Landes und zu seinen durch die Macht erzwungenen mehr oder weniger blutigen Wiedervereinigungen im Falle des Aussterbens der Nebenlinien der Dynastie. Es ist gut, sich darüber bewusst zu werden, dass der ‚Staat‘ im Frühmittelalter für die herrschenden Familien nichts anderes darstellte, als eine Art von ‚Privateigentum‘, mit dem sie so umzugehen pflegten, wie jeder freie Bauer mit seinem Hof. Es war nicht immer und überall so, manchmal war der Herrscher von seinen ‚Nächsten‘ (hochgestellten Adligen) abhängig (z. B. im Großmährischen Reich war es so), aber für den frühen Staat der Přemysliden gilt das sicherlich (seit spätestens Boleslav I.) bis (mindestens) zum Ende des 11. Jahrhunderts.
37 Der älteste der Nachfolger wurde Großfürst in Kiew und alle jüngere ‚verschoben sich‘ von einem Teil, wo sie die Regentschaft innehatten, in ein anderes, von einem (Unter)Fürstentum ins nächste. Diese waren nicht nur zahlreicher vorhanden, sondern offensichtlich auch strenger hierarchisiert, als unsere Teile von Mähren. Es half aber gar nichts. Das ehemals mächtige Reich der Kiewer Russ zerfiel schon im 12. Jahrhundert, also noch lange vor dem Mongolenansturm, in zahlreiche kleine Fürstentümer vor allem aus diesen (inneren) Gründen – durch den Zerfall der herrschenden Dynastie.
38 Nicht einmal im letzten Abschnitt der geschichtlichen Entwicklung gelang es, als Kaiser Friedrich Barbarossa seine perfiden Intrigen gesponnen hatte, um Mähren von Böhmen durch ‚Emporhebung‘ zum selbstständigen Reichsfürstentum radikal abzutrennen.
39 Nicht ‚neun Monate‘ (wenn schon, dann etwa neun Monate und eine Woche), sondern zehn lunare Monate, d. h. 280 Tage (40 Wochen), gerechnet seit dem ersten Tag der letzten Periode.
40 Dies ist ein in der Natur allgemein vorhandener Vorgang. Der junge Löwe, gerade durch die Tötung des alten Vorgängers zum Herrscher über ein Harem von seinen Löwinnen geworden, tötet ebenfalls alle gesäugten Welpen. Damit beendet er ihren Müttern die natürliche Unfruchtbarkeit und macht sie somit empfänglich für eigene Nachkommen.
41 Hier stimmt auch sein Name, den er wohl nach dem herrschenden Kaiser bekam, der im freundschaftlichen Verhältnis (wegen seiner Verdienste im Kampf gegen die Lutizen) zu seinem Vater Břetislav stand.
42 Hier stimmt seine Bischofsweihe im Jahre 1068, hatte er also gerade die durch das kanonische Recht vorgeschriebenen 30 Jahre erreicht.
43 Es sind selbstverständlich zumindest teilweise Spekulationen, aber aus genetisch fixierten Gründen eben ziemlich plausible. Verschiebungen sind vor allem durch die möglichen Töchter zwischen den Jungen denkbar, von welchen die mittelalterlichen Quellen meistens schweigen, es sei denn, sie waren irgendwie bedeutsam, typischerweise durch Heirat und Geburt von wichtigen Nachkommen oder auch wegen einer ‚Karriere‘ in der Kirche, als Nonnen oder noch besser Heilige.
44 Kosmas III, 29.
45 Novotný: Pornografie?, S. 13-15.
46 Kosmas II, 15.
47 Kosmas II, 16, wo er wortwörtlich sagt: ‚…sie schaffte es nicht, aus ihrem Leib die unreife Frucht freizugeben.‘
48 Wer vielleicht von den detaillierten anatomischen Kenntnissen von Kosmas überrascht werden und lieber wieder einmal ‚Übersetzungsfehler‘ annehmen möchte, hier im Original: ‚Que quoniam vicina partui erat, dum ire properat, matricem viciat et infra spacium trium dierum spiritum exalat pulcherrima mulierum, quia non potuit uteri exponere pondus inmaturum /sic!/.‘, Kosmas ebenda, nach Bretholz: Cosmae, S. 106, die Hervorhebung fällt auf meinen Kopf zurück.
49 Das sind gleichzeitig die Gründe, warum wir von ihnen im Gegensatz zu so vielen vermuteten (oder auch sicheren, aber namenslosen) mittelalterlichen Mädchen überhaupt wissen. Ludmila beerdigte noch ruhmreich im Jahre 1100 ihren ermordeten fürstlichen Bruder…
50 Ende 1061 wurde noch Vratislav geboren, starb aber schon nach wenigen Wochen. Seine Mutter Adelheid folgte ihm im Januar des nächsten Jahres. Das ist eine ziemlich geläufige mittelalterliche ‚Karriere‘ einer sonst gesunden jungen Frau, die Gattin eines Herrschers oder eines sonstigen hohen Adligen wurde – in fünf Jahren vier Geburten zu erleiden bedeutete oft den Tod als Folge der letzten davon…
51 Dazu vor allem: Konečný: Románská rotunda, Novotný: VVM, 2004, 2007.
52 Es ist allerdings nicht ausgeschlossen, dass Spytihněv selbst vor seinem Tode den Wunsch nach der Laufbahn eines Klerikers für seinen Sohn äußerte. Kosmas lobt ihn überschwänglich, wass vor allem auf seine Frömmigkeit schliessen läßt. Neben anderem ‚trug er wie ein Bischof eine kurze Pelzjacke und den Rock der Kleriker, die Fastenzeit verbrachte er unter Mönchen‘. Es passt gut in die Zeit der angespannten Spiritualität, wie sie den Vorabend der Kämpfe um die Investitur kennzeichnet. Dazu wissen wir, dass gerade er die neue große Basilika auf der Prager Burg begründete und sich auch nicht scheute, Hundert Pfund Silber im Jahr nach Rom zu zahlen, um eine Mitra tragen zu dürfen. Hier aber spielten eher ‚politische‘ Gründe eine wichtige Rolle, was allerdings im frühen Mittelalter schwer abzutrennen ist – es handelte sich wohl um den Versuch, eine größere Unabhängigkeit von dem deutsch dominierten Kaiserreich zu erreichen. Denn wir haben hierzu wieder eine Parallele. Weil die Mitra vom Papst Nikolaus II. (1058-1061) verliehen wurde, muss es in der gleichen Zeit gewesen sein, als er im weiten Apulien auch dem listigen Normannen-Häuptling Robert Guiscard den Herzogentitel verliehen hat (1059), sogar, um das Kaiserreich ‚zu ärgern‘, durch Vergabe einer fahnengeschmückten Lanze. Der ‚freche‘ Papst nutzte die Tatsache, dass der deutsche König Heinrich IV. gerade neun Lenze zählte…
53 S. z. B. Bláhová, M.-Frolík, J.-Profantová,N.: Velké dějiny zemí Koruny české, Praha, Litomyšl 1999, S. 750.
54 Wilson, D.: Der Teppich von Bayeux, Köln 2003, Novotný: VVM 2004, 2007. Gerade in der romanischen Zeit des frühen Mittelalters war (dank des massenhaften Analphabetismus) der informative, kommunikative Aspekt einer Malerei in Bezug auf die weltliche Machtelite (in Böhmen des 11. Jahrhunderts etwa drei bis vier Tausend Personen) inklusive des Herrschergeschlechts sehr bedeutsam. Dieser war sicher nicht nur wichtiger, als jeglicher ästhetischer Wert derselben, sondern auch noch deutlich höher gestellt, als die Wertigkeit eines geschriebenen Textes, mit dessen Hilfe nur eine sehr dünne Oberschicht der Geistlichkeit kommunizierte, damals in Böhmen maximal einige Dutzend Personen, dazu z. B. Třeštík, D.: O Kosmovi a jeho kronice, předmluva vydání Kosmova kronika česká, Praha, Litomyšl 2005, S. 9 und 13.
55 Bláhová: Velké dějiny, S. 749. Heutzutage entscheidet in unserem Kulturkreis die Mutter durchschnittlich doppelt so häufig als der Vater über die Vornamen der Nachkommen, die auch nur selten zufällig sind – was bei den böhmischen und mährischen Přemysliden unvorstellbar wäre. Fremde (nichtslawische) Namen beginnen in diesem Geschlecht mit Odalric (ursprünglich Ulrich, der Heilige Bischof von Augsburg), seine Mutter Emma stammte aus dem (wohl west-)fränkischen Reich. Sein Sohn mit der Bauernstochter Božena hat natürlich einen slawischen Namen. Břetislav selbst gab seinen beiden ersten Söhnen die traditionellen Namen der Söhne Bořivojs, aber die nächsten zwei Namen setzte offensichtlich seine deutsche Gemahlin Judith durch – Konrad (der Kaiser) und Otto (ihr Bruder). Der wiederum traditionelle Jaromír zwischen diesen beiden wurde übrigens für eine geistliche Karriere auserwählt – wurde er etwa schon durch seinen Namen bei der Taufe symbolisch seiner ‚Nachkommen entledigt‘, wie sein fürstlicher (kastrierter) Uronkel? Alle Söhne Vratislavs mit seiner polnischen Gemahlin Svatava tragen selbstverständlich slawische Namen, damals waren die Unterschiede der beiden Sprachen winzig. Dafür sind aber beide Söhne Konrads offensichtlich nach dem Geschmack seiner Gattin Werbirg. Odalric ist zwar schon wieder fast ‚traditionell‘, aber L/u/itolt/d/, später Luitpold, Leopold, ist ein geradezu ‚österreichischer‘ Name. Nach sich selbst erst den Zweitgeborenen (schon mit Eufemia) zu benennen, wie es Otto I. von Olmütz tat, ist ein wenig ungewöhnlich, obwohl Vratislav (mit Adelheid von Ungarn) das gleiche getan hatte. Für die mährische Abstammung der ersten (uns unbekannten) Ehefrau des Fürsten Otto I. spricht nicht nur der berühmteste und ruhmreichste Name des ersten mährischen ‚Königs‘ Svatopluk, sondern auch der slawische Name der Tochter, die wohl zwischen den beiden Söhnen geboren wurde – Bohuslava, s. Bláhová: Velké dějiny, S. 752, wo auch schön angedeutet ist, dass der ältere Sohn und die Tochter von dieser Ehefrau waren, während der Jüngere Otík erst von der nächsten Ehefrau.
56 Kosmas II, 43, Bretholz: Cosmae, S. 148.
57 Dazu zuletzt detailliert Novotný, VVM 2007. Die Ikonographie ihrer Schilde ist ganz bestimmt nicht nur Zufall.
58 Kein Wunder, denn es war die Strafe für seine bewaffnete Rebellion und die Tötung Zderads, eines der nächsten Berater des Königs Vratislav. Deshalb ging auch Prinz Břetislav im Sommer 1091 direkt aus dem ‚Schlachtfeld‘ um die belagerte Brünner Burg ins Exil nach Ungarn. Der durch den König als erster Nachfolger bestimmte Boleslav, sein jüngerer Bruder, gleichzeitig aber der älteste Sohn der Königin Svatava, wurde am 11. August 1091(!) (wahrscheinlich) ermordet – er wurde ‚von einem verfrühten Tod hinweggerafft‘, wie unser Chronist Kosmas ziemlich auffällig andeutet, ebenda…
59 Seine Statuta aus dem Jahre 1189 haben vor der berühmten englischen Magna charta libertatum ein ganzes Vierteljahrhundert Vorsprung.
60 Ich glaube, dass trotz der wohlbekannten und neuerdings wieder hervorragend bearbeiteten, s. Wihoda, M.: Zlatá bulla sicilská, Praha 2005, Geschichte des Erwerbs unseres erblichen Königstums immer noch der wichtige innere Nebenefekt wegen der unbestrittenen außen-politischen Erfolge unterschätzt wird – was für eine Erholung, nach all den blutreichen Geschehnissen der Nachfolge in der Fürstenzeit die Nachfolge der přemyslidischen Erbkönige (auch mitsamt des zeitweiligen Ungehorsams mancher Söhne) zu beobachten…
61 Und es würde jeder irren, der in diesem Punkt die reale Information unseres Autors anzweifeln möchte und lieber darüber spekulieren würde, dass er ‚bloß die bewegten Geschehnisse seiner eigenen Zeit in die damalige Urzeit des Fürsten Břetislav projizieren wollte‘. Die Zeit war zwar bewegt genug, aber Kosmas starb, als der letzte der Enkelreihe Soběslav erst an die Herrschaft kam (1125). Er konnte also keinesfalls ahnen, was nach dessen Tod (1140) während der nächsten Generation der herrschenden Přemysliden passieren würde…